SSG/HSV Wuppertal – HC BSDL

Drama in den Schlusssekunden: Wenn der Handball-Gott erst schenkt und dann nimmt

Was war das bitte für ein Spiel?

Für mich war es der erste Einsatz in dieser Spielklasse seit vielen Jahren – und das hat sich ehrlich gesagt auch ziemlich stark bei der Ausbeute meiner Fotos gezeigt. Jahrelang war ich vor allem in unteren Ligen unterwegs, und seit gefühlten Ewigkeiten begleite ich fast nur noch die Mädchenmannschaften in der Jugend. Und dann hier sofort so ein Kracher! Dabei hatte ich kurz zuvor noch die HSV-Mädels beim verdienten Sieg gegen Issum fotografiert … aber fangen wir am besten ganz von vorne an.

Mike hatte mich gefragt, ob ich bei den Männern nicht ein wenig mit der Kamera an der Seitenlinie entlangschwenken möchte. Klar mache ich das! Schon alleine dem eigenen Sohn zuzuschauen macht riesigen Spaß – warum sollte ich da nein sagen?

Doch die Realität an der Grundlinie holte mich schnell ein. Was mich erwarten würde, ahnte ich zwar, aber wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn die Herrenmannschaft in eigener Halle den bis dato ungeschlagenen Tabellenführer HC BSDL empfängt – das durfte ich erst nach dem Anpfiff am eigenen Leib erfahren.

Verwöhnt von den Jugendspielen, in denen das Tempo auch mal von der Tagesform abhängt, ging es in der Männer-Verbandsliga sofort kompromisslos zur Sache. Meine Kameraeinstellungen passten zwar noch für das Spiel der Mädels, aber für dieses Tempo hier waren sie denkbar ungeeignet. Was die Gäste von der ersten Sekunde an auf die Platte brachten, war Wahnsinn. Ehe ich mich richtig sortiert hatte, lag der HSV bereits hinten. Nach nur fünf Minuten schaukelte sich der Rückstand auf ein einfaches 1:6 hoch. Fünf Minuten gespielt und 1:6 – wo sollte das nur hinführen?

Genauso dachte wohl auch die Bank: Die Trainer zogen früh die Grüne Karte – Auszeit. Es wurde laut in der Halle, sehr laut. Aber bei diesem Spielstand und der Art, wie sich die Jungs bis dahin bewegten, gab es auch kaum eine andere Option. Danach wurde es zumindest ein bisschen besser. Der Rückstand wuchs nicht weiter an, doch mit einem 16:21 verabschiedeten sich die Männer erst einmal in die Kabine. Wie die Stimmung drinnen war, wollte ich vorerst lieber nicht wissen. Ich bin hier als Fotograf ja noch nicht wirklich zu Hause – auch wenn ich viele der Jungs und die vertrauten Gesichter auf den Rängen bereits seit ihren Jugendzeiten kenne. Schließlich begleite ich den Wuppertaler Handball nun schon seit über 18 Jahren.

Doch ein Spiel ist erst vorbei, wenn abgepfiffen wird. Ich verfolge den Sport zu lange, als dass ich ein Spiel frühzeitig abschreibe. Dass der HSV hier aber noch einmal etwas reißen könnte? Daran hatte ich ehrlich gesagt kaum geglaubt. Meine Lebenserfahrung hat mich diesmal jedoch gewaltig getäuscht: In der 36. Minute – gerade einmal sechs Minuten nach dem Wiederanpfiff – stand es plötzlich Unentschieden!

Als hätten die Gäste in der Pause gedanklich schon den Sieg gefeiert, lief das Spiel auf einmal fast nur noch in eine Richtung. Wie das taktisch möglich war, frage ich mich jetzt noch. Der HSV agierte wie ausgewechselt: Der Abwehrblock ließ kaum noch etwas durch und auch im Tor gelangen entscheidende Paraden. Das Spiel wandelte sich komplett – und mit der Härte in der Abwehr erreichten auch die Zweikämpfe eine ganz neue Intensität.

Ab der 40. Minute führte der HSV plötzlich mit zwei Toren. Aber zwei Tore Vorsprung sind im Handball gar nichts: Binnen einer Minute kann so ein Spiel kippen und man gerät wieder unter die Räder. Diese Dynamik hielt die Halle bis zum Schluss in Atem. Der Zwei-Tore-Vorsprung hielt eisern bis zur Marke von 56:28 Minuten. Nur noch dreieinhalb Minuten durchhalten für den Heimsieg!

Dann die Szene des Abends: In Minute 56:28 wurde Mike in einer starken Bewegung Richtung Tor auf der Neun-Meter-Linie extrem hart gefoult. Das sahen nicht nur die Fans und Schiedsrichter, sondern auch die Mitspieler, die ihm aufhelfen wollten. Auf dem Feld bildete sich auf einmal eine Rudelbildung. Es sah unglücklich aus, aber die Referees bewerteten die Situation völlig überraschend: Der Gegenspieler bekam 2 Minuten für das Foul, Mike kassierte ebenfalls 2 Minuten wegen Meckerns mit der gegnerischen Bank, und der unglückliche Kreisläufer, der Mike zu Hilfe eilen wollte, sah die Rote Karte wegen eines Schubsers. Eine extrem unglückliche und schwer nachvollziehbare Entscheidung – und das alles nur, weil Mike zuvor gefoult worden war. Handball ist ein wunderschöner, harter Sport, aber manche Schiedsrichterentscheidungen bleiben einfach ein Rätsel.

Dreieinhalb Minuten Restspielzeit, dazu Unterzahl für die nächsten zwei Minuten. Doch der HSV verteidigte das Ergebnis aufopferungsvoll. Bei 59:30 – eine halbe Minute vor dem Ende – traf der BSDL zum 36:35! Jubel in der Halle, der Sieg schien greifbar.

Doch 30 Sekunden können verdammt lang sein. 59:54 Minute: Der bitter nötige Ausgleich für die Gäste zum 36:36. Ein Punkt, den eigentlich beide Teams nach diesem Verlauf gerne mitgenommen hätten. Nicht aber der HSV!

Durch eine blitzschnelle Schnelle Mitte versuchten die Jungs noch einmal das Unmögliche: Ein verzweifelter Wurf aus der eigenen Hälfte überraschte den gegnerischen Torwart tatsächlich – der Ball lag kurz vor der Schlusssirene im Netz! Die Halle explodierte, die HSV-Jungs lagen sich jubelnd in den Armen, während die Gäste enttäuscht auf dem Boden lagen. Alle feierten einen sensationellen Last-Second-Sieg.

Doch im Tumult übersahen wir die Diskussionen der Unparteiischen mit der gegnerischen Bank. Auch ich war vor Freude völlig aus den Socken gesprungen und mir absolut sicher, dass der Ball vor der Sirene im Tor war. Doch die Schiedsrichter erkannten den Treffer im Nachhinein ab und zogen die Entscheidung zurück.

So brutal kann Handball sein: In einer Sekunde liegst du dir überglücklich in den Armen – und im nächsten Moment bleibt dir statt des gefühlten Sieges nur ein Punkt auf der Anzeigetafel.

Trotzdem, Männer: Danke für diesen unglaublichen Nervenkitzel! Auch wenn meine Bilder diesmal noch nicht ganz optimal waren – mit etwas mehr Spielpraxis an der Linie werde auch ich wieder treffsicherer.

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