Ich melde mich aus dem Urlaub zurück! Eigentlich war mein Plan, hier regelmäßig ein kleines Lebenszeichen zu setzen – selbst wenn es nur ein kurzer Post geworden wäre. Aber wie so oft in meinem Leben: Das Pech weicht mir nicht von der Seite. Es spaziert förmlich neben mir her und wartet nur auf den perfekten Moment, um zuzuschlagen. Dieses Mal hat es mich ein ganzes Wochenende gekostet – inklusive Dauerstress und purer Angst. Aber fangen wir von vorne an.
Die Tage bis heute hatte ich eigentlich wunderbar vorgeplant, für Sonntag stand sogar ein schöner kleiner Ausflug auf dem Programm. Doch schon am Freitag fing das Wetter an, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Die hitzigen Temperaturen stürzten in kürzester Zeit auf kühle 20 Grad ab, dazu dicke Wolken. Immerhin: Ein fantastischer Zeitpunkt, um mein Helios-Objektiv beim Service abzuholen. Der gute Mann hat es tatsächlich geschafft, es wieder zusammenzusetzen. Doch das Fotografenherz blutet: Der Autofokus funktioniert zwar, geht aber extrem schwerfällig – im Grunde genau wie vor dem totalen Ausfall. Obwohl das gute Stück von außen wie neu aussieht, hat es wohl eine Macke, die sich nicht mehr reparieren lässt. Schade, ich hatte große Hoffnungen in den Mechaniker gesetzt, aber zaubern kann er leider auch nicht.
Danach ging es zu Fuß durch Oppeln um die Zeit zu verbringen. Termin Kfz-Werkstatt meines Kumpels lag zwei Stunden später. Wir wollten eigentlich nur nach einem Klopfen schauen, das mir schon länger Sorgen bereitete.
Bei Adrian habe ich nicht nur einen genialen Lackierer zur Hand, sondern auch einen Mechaniker, der mich in den letzten Jahren schon aus so manch brenzliger Situation gerettet hat. Trotz vier wachsamer Augen (hier kann ich Direkt mit unterm Auto) haben wir den Grund für das Klopfen nicht gefunden. Dafür offenbarte sich ein anderes Problem, das ich schlichtweg… nun ja, komplett verdrängt hatte. Die Bremsen! Nicht zu fassen. Da plant man alles durch und vergisst das Wichtigste. Man hätte natürlich versuchen können, die Fahrt nach Deutschland so anzutreten, aber es sah wirklich kritisch aus. Mit so einer Verantwortung auf eine 1000-Kilometer-Reise gehen? Nein. Wir machen das hier, basta! Dann schlafe ich wenigstens ruhiger. Ihr dürft jetzt gerne fragen: „Pech? Marius, war das nicht einfach nur deine eigene Vergesslichkeit?“ Ja, da hättet ihr verdammt recht. Aber das war nur das leichte Vorspiel für das, was noch kommen sollte.
Der Samstag. Ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Morgens erledigten wir die letzten Besorgungen – eine letzte Fahrt nach Kluczbork, denn von Oppeln hatte ich erst einmal die Nase voll. Der Nachmittag war wunderschön: Grillen auf der Terrasse, die Hitze der Vortage hatte nachgelassen, der Kopf konnte langsam abschalten. Nach dem Abendessen machten wir uns bereit für das Fußballspiel England gegen Norwegen. Maria und meine Mutter saßen eine Etage höher, ich saß mit meinem Vater im TV-Zimmer. Wir genossen die Zeit, diskutierten über Gott und die Welt.
Und auf einmal passierte es.
Zuerst sah er irgendwie komisch aus, reagierte auf nichts mehr. Er antwortete nicht auf das, was ich zu ihm sagte. Vor zwei Jahren hatte er schon einmal einen epileptischen Anfall, nachdem ihm im Krankenhaus operativ eine verstopfte Ader am Hals freigelegt wurde. Damals war ich in Deutschland und musste es nicht miterleben. Diesmal war ich live dabei – und zitterte von der ersten Sekunde an. Ich versuchte krampfhaft, die Ruhe zu bewahren und all die Regeln abzurufen, die ich in den letzten Jahren gelernt hatte. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber wie zum Teufel macht man das, wenn ein Mensch nach Luft schnappt und sich im Sessel in Konvulsionen windet?

Zum Glück war meine Frau in der Nähe. Als ich um Hilfe rief, kam sie sofort, übernahm meine Mutter und versuchte, mich und meinen Vater zu beruhigen. Ich rief derweil den Krankenwagen. Und dann der absolute Aussetzer: Ich wusste die Adresse nicht mehr! „Scheiße, wie sag ich ihm das? Was sagt der da am Telefon?“ In meiner totalen Panik passierte das Absurdeste überhaupt – ich fing an, in Polen auf Deutsch in den Hörer zu brüllen! Mein Gehirn hatte im Krisenmodus einfach die Sprachgrenzen dichtgemacht. Mein ganzer Körper zitterte, ich konnte kaum das Telefon halten. Schrecklich.
Zumindest fing mein Vater nach einer Weile an, wieder ruhiger zu atmen. Er fand eine Position, die half, und kam langsam wieder zu sich.
Als die Sanitäter eintrafen und übernahmen, stand ich da – nass geschwitzt, aber unendlich erleichtert. Meinem Vater ging es besser, er fing an sich zu erinnern, auch wenn er noch nicht wieder ganz da war.
Nach den vielen Fragen der Sanitäter holte mich die Realität ein. Eine Realität, die ich seit Jahren vor mir herschiebe: Meine Eltern leben hier in Polen, ich 1000 Kilometer weiter weg in Deutschland. Wir waren plötzlich mit dem Problem konfrontiert: Was passiert, wenn einer von ihnen so schwer krank wird, dass der andere ihn pflegen muss? Diese Option hatte mein Gehirn bisher erfolgreich ausgeblendet. Jetzt, wo ich es hautnah erleben musste, stand ich vor einem riesigen Problem, das mich fast verzweifeln ließ.
Aber für diese Gedanken ist später noch Zeit. Vorerst fuhren wir in die Klinik für Neurologie nach Oppeln. Ein von außen hochmodernes Krankenhausgebäude: Hubschrauberlandeplatz, moderne Aufnahme. Alles wie im Westen! Na ja, gut… für westliches EU-Geld aufgebaut, oder besser gesagt: renoviert.
Der wahre Schock kam am Sonntag.
Es ist eines der wenigen neurologischen Krankenhäuser in der Woiwodschaft, ein zentraler Ansprechpartner für die ganze Region. Ich stand also am Sonntagmittag vor der geschlossenen Stationstür, um ein paar Anziehsachen für meinen Vater abzugeben. Eine Schwester öffnete die Tür – beziehungsweise, sie machte einen schmalen Spalt auf. Ich wollte gerade ansetzen, ihr die Sachen zu geben, da knallt sie mir ein patziges „Die Besucherzeit ist von 13:30 bis 17:00 Uhr!“ an den Kopf und schlägt mir die schwere Tür direkt vor der Nase zu. Keine Chance auf ein Wort.
Ich habe in den letzten Jahren einige Reha-Kliniken und Nervenheilanstalten von innen gesehen, aber das war selbst mir zu viel.
Da es erst halb zwölf war, bummelten wir etwas um das Krankenhaus herum, um pünktlich wieder da zu sein. Und dann kam es: Das von außen so moderne Krankenhaus offenbarte sein wahres Gesicht. Die schwere Tür öffnete sich, und was ich sah, war alles andere als beruhigend. Ein langer Korridor, völlig überfüllt mit Menschen. Die einen standen vor den Zimmern ihrer Angehörigen, andere lagen mitten auf dem Gang, weil in den Zimmern kein Platz mehr war. Dazwischen rannten Schwestern mit Tabletten und Pfleger mit klappernden Wagen umher. Wahnsinn!
Im Zimmer meines Vaters wurde es nicht besser: Acht Menschen in einem Raum, kaum Privatsphäre, jeder erlebt live mit, was beim Nachbarn passiert. Den meisten Patienten dort war es aufgrund ihres Zustands wahrscheinlich egal – aber mein Vater war geistig wieder voll da und musste das alles miterleben. Mir wurde nach fünf Minuten schlecht. Solche Standards erwartet man vielleicht am anderen Ende der Welt, aber nicht mitten in Europa.
Und dennoch muss ich eine Lanze für das Personal brechen: Es ist gut, dass es solche Krankenhäuser überhaupt gibt und dass man noch Menschen findet, die unter diesen Bedingungen arbeiten wollen. Die Pfleger und Schwestern leisten dort Übermenschliches und haben es alles andere als leicht. Die patzige Schwester von vorhin hatte ich da längst vergessen – mir wurde klar, dass die Zeit außerhalb der Besucherzeiten die einzige ist, in der sie und die Patienten mal kurz durchatmen können, ohne dass jemand auf dem Gang stört.
Am Montag fuhren wir wieder zu ihm – diesmal primär in unserer neuen Funktion als Wasserlieferanten. Das Mineralwasser vom Sonntag war nämlich schon restlos leer. Ja, richtig gelesen: Hier muss man sich sein Wasser selbst mitbringen, wenn man nicht im Krankenhaus-Kiosk ein kleines Vermögen lassen will. Aber man muss auch das Positive sehen: Vor ein paar Jahren musste man in polnischen Krankenhäusern sogar noch sein eigenes Toilettenpapier anschleppen! Anscheinend hat das Krankenhaus dafür inzwischen irgendwo ein Budget gefunden – oder die Patienten nutzen einfach heimlich alte Zeitungen. 😉
Aber Spaß beiseite: Die Situation am Montag war glücklicherweise schon ein wenig entspannter. Mein Vater wurde verlegt und lag nun in einem Dreibettzimmer. Zwar ohne Klimaanlage – was bei den aktuellen Temperaturen ein Erlebnis für sich ist – aber immerhin weit weg von dem Zimmer von gestern. Weit weg von den wirklich schweren Fällen, deren bloßer Anblick einen als gesunden Menschen innerlich einfach nur kaputt macht. Es geht bergauf, langsam, aber sicher.
Und ich? Ich stehe wieder einmal an der Grenze meiner Kräfte. Ich habe das alles irgendwie verkraftet, stehe aber immer noch stark unter dem Eindruck dieses Wochenendes. Ich hoffe, dieses Erlebnis gibt mir am Ende Kraft. Vorerst wollte ich es aber einfach niederschreiben, um es gemeinsam mit euch zu verarbeiten und das Ganze aus meinem Kopf zu bekommen.
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