Neuanfang mit 58

Bestimmt habt ihr bemerkt, dass es auf czoczo.de in letzter Zeit etwas ruhiger geworden ist. Nicht nur ihr merkt das – auch ich spüre es deutlich. Im Moment fehlen mir schlicht die Zeit und oft auch die Energie. Nach sechs Stunden Unterricht und insgesamt fast acht Stunden Unterwegssein komme ich häufig so müde nach Hause, dass an einen Spaziergang mit der Kamera kaum zu denken ist. Neue Fotos entstehen deshalb vorerst wohl hauptsächlich am Wochenende – sofern ich dazu komme.

Die letzten Tagen waren alles andere als einfach. Meine berufliche Maßnahme und der Vorgeplannte Beuanfang mit 58 zehrt nicht nur an der Zeit, sondern verlangt mir auch meine letzten Kraftreserven ab. Und das ist erst der Anfang. Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach.

Am Montag ging es los. Pünktlich um neun Uhr sollte der Unterricht beginnen. Da ich mit dem Bus pendle, heißt das: spätestens um acht Uhr das Haus verlassen. Eigentlich kein Thema – dachte ich zumindest.

Die Zeiten, in denen ich regelmäßig um drei Uhr morgens wach lag, gehörten gefühlt längst der Vergangenheit an. Doch ausgerechnet in der Nacht vor dem ersten Tag war ich um Punkt drei Uhr hellwach. Müde, keineswegs ausgeschlafen, aber die innere Unruhe war stetiger als jede Müdigkeit. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Also aufstehen, Kaffee aufsetzen und die Stunden verstreichen lassen.

Wie sich später herausstellte, war die ganze Aufregung unbegründet. Gemeinsam mit elf weiteren Teilnehmern sitze ich nun im Unterrichtsraum. Was mich positiv überraschte: Die meisten sind etwa in meinem Alter. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen bewegen wir uns alle rund um die Sechzig.

Jeder bringt seine eigene Lebensgeschichte mit, jeder trägt seinen eigenen Rucksack. Es regt zum Nachdenken an – und schenkt ein wenig Trost. Man merkt auf einmal, dass man mit seinen Sorgen keineswegs allein ist.

Die ersten Aufgaben am Dienstag wirkten zunächst harmlos: Rechnen, Schreiben, logisches Denken. Fast wie Urlaub.

Fast.

Denn bereits bei der vierte Stunde stand ein Mathetest auf dem Plan. Nichts Kompliziertes – Stoff aus der fünften oder sechsten Klasse. Das Problem war nur: Das letzte Mal, dass ich solche Aufgaben auf Papier gelöst habe, liegt fast vierzig Jahre zurück.

Plus und Minus? Kein Thema. Doch als Multiplikation, Division und Kommazahlen dazukamen, wurde die Angelegenheit plötzlich brisant. Nach wenigen Minuten stand mir der Schweiß auf der Stirn, meine Hände begannen leicht zu zittern. Natürlich rein aus eigenem Druck – man möchte schließlich nicht wie ein Depp der Nation da stehen.

Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass die Panik unbegründet war. Ein wenig Durchatmen, etwas Ruhe, und die Logik setzte sich durch. Schließlich ging es um nichts Schlimmes – der Test sollte bloß eine Standortbestimmung sein. Und ein Fast-Sechzigjähriger darf schließlich auch mal etwas vergessen haben, oder?

Der eigentliche Kampf begann erst viel später. Lange nachdem ich den Bogen abgegeben hatte. Zu Hause, nach einem kurzen Nickerchen.

Kaum war ich wach, spulte mein Kopf die Aufgaben in Dauerschleife ab. Plötzlich tauchten Zeilen vor meinem inneren Auge auf und ich war felsenfest überzeugt, Fehler gemacht zu haben. Verdammt.

Sechs Stunden später folgte die vermeintliche Erleuchtung – direkt gefolgt von tiefem Frust: „Das hätte ich doch anders rechnen müssen! Warum habe ich das übersehen? Mensch, das war doch glasklar!“ Statt den Nachmittag zu genießen, zerbrach ich mir den Kopf über einen Test, der längst in der Mappe lag. Der Tag war gelaufen. Bis Mittwoch trug ich dieses nagende Gefühl mit mir herum.

Verrückt, nicht wahr? Eine verlorene Abend und unruhige Nächt wegen einer einfachen Mathearbeit. Doch genau solche Momente zeigen mir, wie tief alte Verhaltensmuster sitzen. Einige Therapiestunden haben geholfen, aber an manchen Baustellen muss ich noch arbeiten. Mein eigener Erwartungsdruck ist nach wie vor so hoch, dass mich selbst eine völlig unbedeutende Situation aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Und das ist gefährlich. Denn im Alltag und Berufsleben gehören Erfolge und Rückschläge dazu. Wer jede Kleinigkeit mit nach Hause nimmt, stundenlang grübelt und sich selbst zerfleischt, macht sich das Leben unnötig schwer.

Die Entwarnung kam am nächsten Morgen. Die Mathe-Dozent läutete den Tag ein – und verkündete, dass meine befürchteten Fehler gar keine waren.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: 89 von 100 Punkten war eine der besseren Ergebnisse sogar. Ehrlich gesagt: Damit hatte ich im Traum nicht gerechnet.

In diesem Moment fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Die schlaflosen Stunden waren verflogen. Jetzt heißt es: Dieses positive Gefühl mitnehmen, mich auf die kommenden Aufgaben konzentrieren und vor allem meine Flüchtigkeitsfehler reduzieren – die schlichen sich nämlich immer noch hier und da ein.

Die ersten drei Tage liegen nun hinter mir. Derzeit sind es noch sechs Stunden Unterricht am Tag, was mit dem Weg aber rasch zu acht Stunden anwächst. Bei mildem Wetter klappt das ganz gut. Mann kann Sogar die Pausenspaziergang richtig genissen. In zwei Monaten verlängert sich der Tag jedoch bis 16:30 Uhr. Dann werden die Tage spürbar länger und die Zeit für meine Leidenschaften noch knapper.

Aber dazu erzähle ich mehr, wenn es so weit ist. Bis dahin müsst ihr mit den Schätzen aus meinem Archiv vorliebnehmen. Und wer weiß… vielleicht schaffe ich es am Wochenende ja doch, mit der Kamera durch die Straßen zu ziehen.

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