Streetfotografie in Münster

Lange, wirklich verdammt lange hat es gedauert, bis ich mein Deutschlandticket mal wieder richtig ausgenutzt habe. Damals beim Kauf hatte ich mir noch fest versprochen: Solche Ausflüge machst du jetzt öfter! Den ersten Trip danach zog ich auch prompt durch – es war fantastisch, vielleicht eine Spur zu warm, aber herrlich. Genau dieses Gefühl wollte ich auskosten, solange mir die Zeit dafür noch bleibt. Denn meine freie Zeit neigt sich dem Ende zu: Ab dem 5. Oktober starte ich in eine Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben. Ich hoffe sehr, dass sich dadurch nicht nur neue Möglichkeiten eröffnen, wieder ein wenig zu arbeiten, sondern sich vielleicht ganz neue Wege für mich abzeichnen.

Aber zurück zu den Ausflügen und dem Deutschlandticket. Seit ich in Deutschland lebe – und das ist inzwischen eine halbe Ewigkeit –, fahre ich eigentlich fast nur Auto. Deshalb ist das Reisen mit Bus und Bahn für mich jedes Mal ein echtes Abenteuer. Früher habe ich Zugfahrten geliebt. Irgendwo tief drinnen tue ich das wohl immer noch, doch diese Liebe ist merklich abgekühlt. Was ich in den letzten zwei Jahren mit der Bahn erlebt habe, war alles andere als ein Vergnügen. Man merkt schnell: Bei der Deutschen Bahn ist zwar ständig etwas los, aber zukunftsorientiert fühlt sich das nicht an. Anfangs dachte ich noch, nur hier in Wuppertal liefe es mit den Zügen derart bescheiden, doch wie es aussieht, brennt deutschlandweit an allen Ecken und Enden der Baum.

Ganz ehrlich: Bei meinen bisherigen Bahnfahrten bin ich – und das ist keine Übertreibung – noch nicht ein einziges Mal pünktlich losgekommen. Gut, fairerweise muss ich zugeben: Auf der Fahrt zur Reha war der ICE so überpünktlich, dass ich ihn fast verpasst hätte. Aber sonst? Nur verlorene Lebenszeit an zugigen Bahnsteigen. Diesmal war es vielleicht nicht ganz so extrem wie auf meiner Fahrt nach Aachen, aber das Prinzip bleibt. Es sind meine Lebensstunden, die ich auf den Bahnhöfen dieser Republik absitze, während aus kratzenden Lautsprechern dröhnt, mal sei eine Baustelle schuld, mal müsse ein anderer Zug überholen. Es ist grausam. Ich bewundere die Menschen aufrichtig, die das jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit ertragen. Oder jene, die in den Urlaub fliegen und vorsorglich drei Züge früher nehmen, um ihren Flug überhaupt noch zu erwischen.

Momentan reise ich aus purem Jux und Dollerei; mir kann es eigentlich egal sein, wann die Bahn kommt. Dennoch wäre es schön, vorher zu wissen, dass man eine halbe Stunde warten muss, anstatt diese Information erst eine Minute vor der geplanten Abfahrt an den Kopf geknallt zu bekommen. Nein, in Deutschland läuft wahrlich vieles anders, aber ein weltweiter Vorreiter sind wir damit ganz sicher nicht. Und um das Chaos perfekt zu machen: Schon um 5:30 Uhr ging es los, und direkt am Wuppertaler Busbahnhof saß ich prompt im falschen Bus. Mein Ausflug begann also herrlich chaotisch.

Trotz des ganzen Trubels bin ich irgendwann am frühen Morgen in Münster angekommen, gerade rechtzeitig, um noch dieses wunderbar weiche Licht einzufangen. Und ich hatte Glück: Eine Viertelstunde nach meiner Ankunft riss die Wolkendecke auf, und ein strahlender Himmel mit herbstlicher Sonne machte den Tag perfekt. Ich war zwar schon ein- oder zweimal mit der Familie in Münster, aber wenn man alleine unterwegs ist, hat man einfach freie Hand. Niemand zupft am Ärmel oder fragt ungeduldig, wann wir endlich weitergehen. Man lässt sich treiben.

Und genau diese Ruhe und Unabhängigkeit brauchte ich für das, was ich mir an diesem Tag vorgenommen hatte. Die reine Schwarz-Weiß-Ausarbeitung am Rechner ist für mich längst kein Neuland mehr, darin bin ich seit Jahren zu Hause. Doch hier in Münster wollte ich mich an etwas wagen, das ich gerade erst für mich entdecke: die Streetfotografie. Wenn die Farbe fehlt, bleiben nur noch Licht, Schatten und der nackte Moment. Es verlangt eine ganz andere Art des Sehens – und ehrlich gesagt auch eine ordentliche Portion Überwindung, fremde Menschen in ihrem Alltag festzuhalten, ohne aufdringlich zu wirken. Den magischen Sekundenbruchteil zu erwischen, der aus einer simplen Straßenszene ein echtes, aussagekräftiges Street-Motiv macht, ist eine Kunst für sich. Ein solches Meisterwerk ist mir an diesem Tag sicher noch nicht geglückt. Aber wenn man es nicht einfach macht und sich der Herausforderung stellt, lernt man auch nicht dazu. Und dafür waren die Straßen von Münster im weichen Herbstlicht das perfekte Pflaster.

Leider war der Tag viel zu schnell vorbei. Irgendwann musste ich die Heimreise antreten – und dreimal dürft ihr raten: Auch in Münster hatten alle Züge Verspätung. Mein Zug kam eine halbe Stunde später, und auf der Strecke in die Heimat hat er direkt noch eine weitere halbe Stunde angesammelt. Ich war erst kurz vor 17:00 Uhr wieder zu Hause. Ich weiß nicht, wie ich das mache, aber entweder steige ich immer in die falschen Züge, oder ich fahre konsequent in die falsche Richtung.

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