Inzwischen sind wir schon in Schlesien angekommen. Heute Morgen hat uns – wie befürchtet – der Regen geweckt. Eine Verlängerung unseres Besuchs in der Sächsischen Schweiz machte für uns also absolut keinen Sinn mehr. Nach dem Frühstück und einer kurzen Lagebesprechung haben wir entschieden: Wir fahren weiter! So ein Wetter kann man schließlich auch zu Hause in Schlesien aussitzen, also nichts wie weg – obwohl es gestern noch so wunderschön war. Unsere Muskeln und Knochen haben uns allerdings bei jeder Bewegung schmerzhaft daran erinnert, was wir gestern geleistet haben.

​Aber am besten fange ich da an, wo ich gestern aufgehört habe …

​Nachdem wir den Lilienstein schon von Weitem gesehen hatten, war unsere größte Sorge gar nicht unbedingt die Wolken, die sich langsam zusammenbrauten. Nein, die Frage aller Fragen war: Hat der einzige Parkplatz überhaupt noch freie Plätze? Angeblich passen dort maximal 40 Autos drauf. Und das um diese Uhrzeit, an einem Samstag und mitten in der ersten Ferienwoche in Sachsen – da war wirklich mit allem zu rechnen. Glücklicherweise war der Parkplatz zwar nicht leer, aber ein paar Lücken gab es noch.

​Vielleicht liegt das auch am Preis, der den einen oder anderen abschreckt: 5 € für ein Tagesticket (wieso gibt es dort eigentlich nur Tagestickets?) ist bestimmt nicht wenig. Gut, bei uns in Wuppertal parkt man für 5 € vielleicht gerade mal drei Stunden, von daher ist es eigentlich noch moderat. Aber dass man dort NUR mit Kleingeld bezahlen kann, ist eine echte Herausforderung! Zum Glück wusste ich das vorher. Aber was machen bitteschön die Leute, die dort völlig ahnungslos ankommen und keine Münzen parat haben? Liebe Mitarbeiter des Naturparks Sächsische Schweiz: Wir sind längst im 21. Jahrhundert angekommen! Man kann heutzutage mit Karte, Handy oder zumindest mit Geldscheinen bezahlen!

​Egal, wir haben den Platz bezahlt, die Wanderschuhe geschnürt, die Kamera geschnappt, die Trinkflasche nicht vergessen … und los!

​Der Aufstieg und ein plötzlicher Schock

​Der Wetterbericht hatte für 16 Uhr Regen angesagt. Es war kurz nach 11 Uhr, also sollte die Zeit locker reichen – vorausgesetzt, die Wetterfrösche irrten sich nicht. Der Südanstieg soll ja angeblich etwas länger, aber dafür selbst mit Kindern leicht zu bezwingen sein. Keine große Herausforderung also. Nur, warum war der Wanderweg bitteschön blau gekennzeichnet? Aus meiner Kindheit weiß ich noch: Blau ist eine echte Herausforderung und wird nur noch von Schwarz getoppt! Aber überall hatte ich gelesen: „Nimm den Südaufstieg“, also hieß es Zähne zusammenbeißen.

​Am Anfang war es auch tatsächlich ziemlich moderat. Ein schöner Weg führte bergauf am Rande eines Eichenwaldes (Wahnsinn, so viele Eichen auf einem Haufen habe ich wirklich schon lange nicht mehr gesehen!). Aber das Schönste war der Ausblick: Von hier aus konnte man die Festung Königstein auf der anderen Elbseite sehen. Genau dort hatten wir vor vier Jahren den ersten Plan für unsere heutige „Besteigung“ geschmiedet. Dieses großartige Gefühl ließ uns sofort die lange Fahrt hierher vergessen. Und obwohl sich die ersten Schweißtropfen unter meiner Kappe sammelten, war es genau das, worauf wir uns so lange gefreut hatten.

​Aber lange rumstehen? Bloß nicht! Wir wollten den Königstein von oben sehen und den Lilienstein bezwingen.

​Der Weg drehte plötzlich nach links ab, direkt auf die steile Wand des Lilienstieins zu, der zwischen den Bäumen mit jedem Schritt näher rückte. Und der Pfad wurde von Schritt zu Schritt steiler. Riesige Steintreppen, die bestimmt vor vielen Jahren dort verlegt wurden, halfen den Menschen, diese Herausforderung zu meistern. Gut, dass es auf beiden Seiten Geländer gab, an denen man sich sicher festhalten konnte. Die Treppen waren an sich nicht schlecht – nur die Höhe der einzelnen Stufen war alles andere als komfortabel.

​Die ersten Schweißperlen fanden zielsicher den Weg auf meine Brille. Mein Shirt war sowieso schon klatschnass, aber das lag nicht nur an der Anstrengung …

​In diesem Moment bemerkte ich an meiner Kamera ein blinkendes rotes Symbol. WAS?! Das darf doch nicht wahr sein! Bevor wir in Wuppertal losgefahren sind, hatte ich extra alles durchgecheckt. Alle Akkus waren voll aufgeladen – genau um so ein Drama zu verhindern! Leider hatte ich beim Losgehen vergessen, das Ganze noch einmal zu überprüfen oder mir zumindest einen Ersatzakku in die Tasche zu stecken. Da stand ich nun: Auf einer Tour, die wir noch lange in Erinnerung behalten wollten, und ab jetzt konnte jedes Foto das absolut letzte sein. Ein Umkehren war von hier aus keine Option. Nicht, weil es unmöglich gewesen wäre, aber irgendwie fühlte ich mich mental und körperlich nicht bereit für den Rückweg – oder besser gesagt: einfach nicht fit genug.

​Oben auf dem Gipfel – Maria, die Unkaputtbare

​Es ging also weiter. Unsere Handys hatten zum Glück noch genug Saft für Bilder und Internet. Der Gipfel des Lilienstiens war schon fast in Sicht, aber die letzten paar hundert Stufen hatten sich inzwischen in Treppen aus Eisen verwandelt. Wahnsinn … Ich spürte so langsam jedes Gramm meines Gewichts, das sich in den letzten Monaten wieder in Regionen bewegt hat, wo es nicht hingehört. Tja, die Arbeitslosigkeit schlägt sich anscheinend nicht nur finanziell, sondern auch auf die Gesundheit nieder. Aber ich bleibe stark! Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann will ich es auch schaffen – egal wie anstrengend es ist.

​Mit jedem Schritt spürte ich, dass ich alles andere als fit bin. Aber das Ziel war endlich in Sicht. Maria war natürlich schon längst oben beim ersten Aussichtspunkt, als ich endlich völlig keuchend ankam. Diese Frau ist einfach nicht kaputtzukriegen! Sie genoss bereits die Aussicht, und nachdem ich endlich wieder genug Sauerstoff in meine Lungen gepumpt hatte, konnte auch ich die Umgebung genießen. Um die Festung Königstein zu sehen, mussten wir allerdings noch über ein paar letzte Treppen auf die andere Seite wechseln.

Einfach grandios!

​Endlich störte nichts mehr den Blick. Wir standen über dem Königstein und konnten ihn von oben betrachten. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde! Sogar der Kamera-Akku hatte ein Einsehen und reichte genau noch für zwei Bilder. Und das war’s. Ab jetzt war die Kamera ohne Saft nur noch ein schwerer Klotz am Bein, den man mitschleppt und bei dem man bei jedem Schritt riskiert, ihn an einem Felsen zu beschädigen.

​Aber das nächste Problem wartete schon: Hier oben wurde es immer windiger. Maria hatte natürlich klug vorgesorgt und sich einen warmen Pullover eingepackt. Ich war mal wieder zu stolz und zu hart, um mich mit Jacken abzugeben. Nassgeschwitzt, wie ich war, konnte man sich da oben extrem schnell erkälten. Deswegen wollte ich nicht allzu lange bleiben. Einen kurzen Aufstieg zu einem anderen Aussichtspunkt habe ich mir aber noch gegönnt – Maria hat darauf verzichtet, da man über eine kurze Leiter und eine kleine Brücke balancieren musste, die zwei Felsen verbindet.

​Der Abstieg und ein Fazit für die Zukunft

​Jetzt hieß es: Abstieg! Der Lilienstein war bezwungen.

​Ich suchte Maria, die in der kleinen Kneipe oben auf dem Berg schon strategisch einen Tisch besetzt hatte. Eine kurze Pause bei einem kühlen Glas Bier tat gut. Als die ersten vereinzelten Regentropfen fielen, machten wir uns an den Nordabstieg. Der sollte angeblich kürzer, dafür aber steiler sein.

​Letztendlich gab es von der Länge her kaum einen Unterschied, aber es gab ein paar Passagen, die man beim Absteigen wirklich mit Vorsicht genießen musste. Die langen Treppen haben bei manchen Wanderern bestimmt für Höhenangst gesorgt. Gut, dass die Regentropfen nur die Vorboten waren – bei richtigem Regen könnte es hier verdammt rutschig und gefährlich werden. Jeder Tritt barg ein kleines Risiko. Aber wenn man aufpasst, passiert auch nichts. Wir haben den schwierigsten Teil des Abstiegs jedenfalls mit bester Laune gemeistert. Jetzt mussten wir nur noch um den Berg herumgehen, denn unser Auto stand fast auf der komplett anderen Seite. Der Weg mitten durch den wunderschönen Wald gab uns Zeit, den Atem zu beruhigen und das Erlebte Revue passieren zu lassen.

​Wir sind keine Profi-Wanderer, auch wenn wir oft wandern oder – besser gesagt – spazieren gehen. Aber dieses Erlebnis hat uns mal wieder gezeigt: Mit Ende 50 ist man immer noch stark genug für solche Abenteuer! Das Einzige, dem ich mich dringend wieder widmen muss, ist mein Gewicht. Nach der Reha vor einem Jahr war ich auf dem besten Weg, aber durch den Frust nach dem Jobverlust kamen die Pfunde leider wieder zurück.

​Aber wisst ihr was? Ich werde auch das wieder in den Griff bekommen!

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