Die vergessene Geschichte am Tor

Manchmal sieht man Dinge erst, wenn man stehen bleibt. So oft bin ich am Düsseldorfer Schlossturm vorbeigegangen – wie viele andere auch. Ein kurzer Blick, vielleicht ein Foto, und weiter. Die Tafel über dem Tor war für mich immer nur ein Stück Metall an einer alten Mauer. Ein Detail, das man wahrnimmt, aber nicht wirklich liest.

Diesmal war es anders. Ich blieb stehen. Ich machte ein Foto. Und erst zu Hause begann die eigentliche Reise: Wer war dieser Graf von Spee? Warum hängt hier eine Tafel für ihn und seine Söhne?

Die Antwort führt weit weg von Düsseldorf – hinaus auf den Pazifik und in den Südatlantik, mitten hinein in die frühen Monate des Ersten Weltkriegs.

Maximilian Graf von Spee, Admiral der Kaiserlichen Marine, war der Kommandeur des Ostasiengeschwaders. Im November 1914 errang er bei Coronel einen überraschenden Sieg über die Royal Navy – ein Triumph, der Deutschland damals wie ein Donnerhall erreichte. Doch nur fünf Wochen später folgte die Tragödie: In der Schlacht bei den Falklandinseln wurden Spee, seine beiden Söhne Otto und Heinrich, und fast 2000 Seeleute seines Geschwaders vernichtet. Vater und Söhne starben am selben Tag, in derselben Schlacht.

Eine Geschichte, die heute kaum jemand kennt. Eine Geschichte, die man nicht vermuten würde, wenn man einfach nur am Schlossturm vorbeigeht.

Die Tafel, die dort seit 1936 hängt, erinnert an diese drei Männer – und an ein Kapitel deutscher Geschichte, das im Alltag fast verschwunden ist. Vielleicht ist es gut, ab und zu stehen zu bleiben. Nicht nur für ein Foto, sondern für einen Moment des Nachdenkens darüber, woher wir kommen und welche Geschichten in unseren Städten verborgen liegen.

Vielleicht ist es gut, dass ich diese Geschichte überhaupt aufgeschrieben habe. Denn genau wie viele andere bin ich jahrelang einfach vorbeigegangen. Die Tafel war da, aber sie war nur ein Detail am Schlossturm. Erst jetzt, nachdem ich stehen geblieben bin, ein Foto gemacht habe und zu Hause nachgeforscht habe, wurde mir klar, wie schnell solche Geschichten verschwinden. Graf von Spee ist kein Name, der heute noch groß erwähnt wird. Er ist nicht belastet, nicht gefeiert, einfach vergessen. Und gerade deshalb lohnt es sich, solche Spuren sichtbar zu machen – damit wir nicht nur sehen, was heute ist, sondern auch verstehen, woher wir kommen.

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4 Kommentare

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  1. Liebe Elke,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Du bist eine treue Leserin meines Blogs und ich schätze deine Gedanken sehr. Und in vielen Punkten hast du vollkommen recht. Als Pazifist und Antifaschist, besonders mit meinen polnischen Wurzeln – einem Land, das unter der deutschen Besatzung unvorstellbar gelitten hat –, sollte ich eigentlich genau deine Meinung teilen. Dennoch sehe ich eine gewisse Tragik in der Geschichte, die oft übersehen wird.

    Natürlich hätte sich jeder widersetzen können, und jeder hätte es tun sollen. Doch wir vergessen oft die unheimliche Macht der Propaganda, der die Menschen ab 1933 fast schutzlos ausgeliefert waren. Die jungen Männer, die im September 1939 in Polen einmarschierten, waren oft erst 18 Jahre alt. Sie wurden seit ihrem 13. Lebensjahr einer massiven Gehirnwäsche unterzogen. Sie wussten es schlichtweg nicht anders. Nach dem Ersten Weltkrieg schufen Hunger, Inflation und die harten Friedensbedingungen den perfekten Nährboden für die NSDAP. Die Menschen, zermürbt von der Not, ließen sich von falschen Versprechen locken. Wir erwarten heute von unseren Vorfahren, dass sie sich hätten anders entscheiden müssen – in einer Zeit, in der es kaum eine echte Alternative für den Einzelnen gab.

    Das bringt mich zum entscheidenden Unterschied zu heute: Wenn wir auf die aktuelle politische Lage schauen, auf Parteien wie die AfD oder auf die USA, wo Menschen sehenden Auges Chaoten ins Amt wählen, dann ist das Erschreckendste für mich, dass es uns heute nicht annähernd so schlecht geht wie damals. Wir haben heute die Wahl. Wir haben Zugang zu Informationen und könnten uns die verheerenden Auswirkungen unserer Entscheidungen vorstellen. Die Geschichte zeigt uns und allen Völkern der Welt überdeutlich, wohin der Weg von Nationalisten und Propagandisten führt. Dennoch scheinen wir erschreckend wenig daraus zu lernen.

    Dürfen wir deshalb unsere Geschichte verleugnen? Auf gar keinen Fall! An dem Tag, an dem unsere Bürger vergessen, was damals passiert ist, haben genau diese extremen Parteien gewonnen. Wir müssen die Geschichte immer vor Augen haben. Aber wir müssen auch lernen, sie in all ihren Facetten zu erzählen. Ja, wir müssen die Täter verurteilen und die grausamen Verbrechen – wie die Zerstörung Warschaus und die Ermordung von Millionen Menschen, nicht nur von Juden – klar benennen. Doch wir müssen auch die Tragik der normalen Menschen erzählen, die durch Hetze und Propaganda in diesen Abgrund gerissen wurden. Ich dachte lange, Deutschland hätte seine Hausaufgaben in der Aufarbeitung gemacht. Doch leider hat man oft alle in einen Sack gesteckt, sich ein paar wenige Helden herausgepickt und die große Masse der schlichtweg Verführten ignoriert.

    Diese fehlende Differenzierung zeigt sich auch heute. War der deutsche Pazifismus der letzten Jahrzehnte wirklich das Beste, was uns passieren konnte? Für Deutschland selbst war es bequem. Man konnte Steuergelder für andere Dinge ausgeben als für die Bundeswehr. Doch heute stehen wir quasi mit heruntergelassenen Hosen da. Angesichts von Krisen und Politikern wie Trump , Putin usw. wird schmerzhaft klar, wie unvorbereitet Deutschland für den Ernstfall ist. Wir müssen jetzt nicht nur fehlende Waffen bauen und Kasernen neu errichten, weil wir die alten in Industrieparks und Wohnsiedlungen verwandelt haben. Wir müssen vor allem eine neue Generation heranwachsen lassen, die die Bundeswehr nicht als Gefahr, sondern als wichtigen Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung begreift. … Und das gelingt uns nur, indem wir den Menschen von heute auch die kleinen Helden vorstellen. Es braucht eine gesellschaftliche Dankbarkeit – das sichere Bewusstsein für diese Menschen, dass sie im Ernstfall nicht vergessen werden.

    Ein Aspekt darf dabei natürlich niemals in den Hintergrund rücken: Von Deutschland wird nie wieder ein Angriffskrieg ausgehen. Wenn wir das Leben unserer Kinder aufs Spiel setzen müssen, dann einzig und allein als Verteidiger unserer Demokratie. So schmerzhaft diese Erkenntnis für mich auch ist: Blinder Pazifismus ist heute leider nicht mehr die beste Wahl.

  2. Lieber Marius,
    ich zitiere dich mal: „An Männer, die in einem Krieg standen, den sie sich nicht ausgesucht haben. Viele von ihnen waren Söhne, Väter, Großväter – und sie haben Befehlen gehorcht, wie es damals von ihnen verlangt wurde. Manche haben Verbrechen begangen, ja. Aber nicht jeder Soldat war ein Täter. Viele waren einfach Teil eines Systems, das sie nicht hinterfragt haben oder nicht hinterfragen konnten.“
    Nicht hinterfragen konnten? Oh doch, das hätten sie sehr wohl gekonnt und es gab ja auch immer solche, die es getan haben. Nur immer zu wenige. Wie oft hat man dieses „Was hätten wir tun sollen? Wir haben das ja gar nicht so gewusst“, eigentlich schon gehört? Es hängt mir zum Hals raus. Was passiert denn gerade wieder? Wenn die AfD erstmal regiert, werden dann die Menschen, die sie gewählt haben und plötzlich erkennen müssen, was sie da bekommen haben, auch wieder sagen: „Das haben wir ja gar nicht so gewusst.“?
    LG – Elke

  3. Liebe Elke
    Danke für dein Besuchn und Kommentar!…
    ich kann deinen Gedanken gut nachvollziehen. Kriege bringen immer Leid, und am Ende verlieren alle – egal auf welcher Seite. Deshalb fällt es uns heute schwer, Begriffe wie „Heldentod“ zu lesen, weil sie aus einer Zeit stammen, in der man Krieg noch anders gesehen und anders erzählt hat.

    Mir geht es aber bei dieser Tafel nicht darum, jemanden zu glorifizieren oder militärisches Heldentum zu feiern. Ich bin selbst Antifaschist und Pazifist. Ich glaube fest daran, dass wir aus der Geschichte lernen müssen – gerade aus ihren dunkelsten Kapiteln.

    Für mich erinnert diese Tafel nicht an „Helden“, sondern an Menschen. An Männer, die in einem Krieg standen, den sie sich nicht ausgesucht haben. Viele von ihnen waren Söhne, Väter, Großväter – und sie haben Befehlen gehorcht, wie es damals von ihnen verlangt wurde. Manche haben Verbrechen begangen, ja. Aber nicht jeder Soldat war ein Täter. Viele waren einfach Teil eines Systems, das sie nicht hinterfragt haben oder nicht hinterfragen konnten.

    Ich finde, wir sollten solche Menschen nicht vergessen. Nicht, um sie zu feiern – sondern um uns bewusst zu machen, wie schnell Geschichte verloren geht, wenn wir nicht hinschauen. Die Tafel am Schlossturm verherrlicht niemanden. Sie erinnert daran, dass diese Leben existiert haben, dass sie verloren gingen, und dass wir heute die Verantwortung haben, Frieden zu bewahren.

    Gerade in unsicheren Zeiten brauchen wir Menschen, die bereit sind, unsere Freiheit zu schützen – hoffentlich nie wieder im Krieg, aber doch im Bewusstsein, dass ihr Einsatz gesehen und erinnert wird. Für mich ist diese Tafel ein stiller Hinweis darauf, dass Erinnerung wichtig bleibt, auch wenn die Geschichte unbequem ist.

    Lieben Gruß
    Marius

  4. Heldentod? Ein Begriff, dem ich nicht viel abgewinnen kann. Von mir aus bräuchte es diese Gedenktafeln nicht. Wie viel Leid haben solche Menschen in zwei Weltkriegen in Gegenden gebracht, in denen sie absolut nichts zu suchen hatten?
    Lieben Gruß – Elke