Mein Outing

Warum ich mein Schweigen breche und um meine Heimat bange

In den letzten Wochen ist mir etwas abhandengekommen, das ich fast vierzig Jahre lang wie einen Schatz gehütet habe: mein tiefer Glaube an dieses Land. Wenn ich heute auf die Umfragen schaue – 19 Prozent für die AfD in Bayern, ein stetiger Rechtsruck überall, dann bricht für mich eine Welt zusammen.

Wer ich bin und warum ich stolz war

Ich war schon immer von geburt an Schlesier. Das ist meine Wurzel, mein Ursprung. Aber Deutscher wurde ich erst hier. Ich wurde Deutscher in dem Moment, als ich Menschen traf, die mich nicht als „den Polen“ abstempelten. Ich fand ein Zuhause bei Menschen, die mich so aufnahmen, wie ich bin.

Ich war stolz, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ich bewunderte Deutschland für seine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ich dachte, WIR hätten verstanden. Ich dachte, WIR wären immun gegen das Gift des Nationalismus – egal ob es aus Deutschland oder Polen weht. Mein Deutschland war offen für jede Religion, jede Hautfarbe und jeden Menschen. Das war mein Glaube. Er war mein Fundament an dem ich geglaubt habe.

Das bittere Erwachen

Doch dieses Fundament bekommt gerade tiefe Risse. Ich merke, dass ich Deutschland jahrelang verteidigt habe, wenn Kritik von außen kam. Ich wollte die dunklen Wolken nicht sehen. Ich wollte nicht wahrhaben, dass das „rechte Auge“ in diesem Land vielleicht nie wirklich geheilt war.

Heute frage ich mich voller Schmerz: Habe ich mich so sehr getäuscht? Stecken diese dunklen Gedanken tiefer in der Gesellschaft, als ich es in meiner Euphorie wahrhaben wollte? Oder merkt die breite Masse gar nicht, wie sie durch fremde Einflüsse von außen manipuliert wird, um unsere Demokratie von innen heraus zu zerstören?

Ein Mal hat Deutschland seine Seele schon verkauft

Schon einmal hat dieses Land aus purem Frust dem Nationalismus seine Seele verkauft. Damals gab es keine historischen Warnungen, keinen schnellen Zugang zu Informationen. Aber heute? Heute haben wir die Geschichte im Rücken. Wir wissen, wohin dieser Weg führt. Und trotzdem wählen Menschen aus Frust eine Gruppierung, die das Spalten zum Prinzip macht.

Für mich ist das unbegreiflich. Es nimmt mir die Luft zum Atmen.

Mein Aufruf: Es ist noch Zeit zu erwachen

Dies ist mein Outing: Ich bin ein stolzer Deutscher mit schlesischem Herzen, der heute Angst hat.
Ich habe Angst, dass wir das Wichtigste verlieren, was wir uns über Jahrzehnte mühsam aufgebaut haben: unsere Menschlichkeit und unsere Offenheit.

Ich nutze eine KI, um diese Worte fehlerfrei zu formulieren, damit sie das Gewicht bekommen, das sie verdienen. Aber der Schmerz, die Enttäuschung und die tiefe Sorge – das bin zu einhundert Prozent ich.

Aber meine Angst ist kein Stillstand. Sie ist ein Appell an uns alle.

Noch ist es nicht zu spät. Wir haben noch Zeit, die Augen zu öffnen. Wir haben noch Zeit, zu erwachen, bevor der Schaden irreparabel ist. Wir haben noch Zeit, uns zu erinnern, was wahre Größe ausmacht: nicht Hass, sondern Toleranz. Nicht Ausgrenzung, sondern Vielfalt.

Ich fordere euch auf: Schaut nicht weg. Lasst Frust und falsche Versprechen nicht über unsere Zukunft entscheiden. Trefft die richtige Entscheidung – eine Entscheidung für ein offenes, menschliches und demokratisches Deutschland.

Wir dürfen nicht länger blind sein. Nicht heute. Nicht mit dieser Geschichte. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

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2 thoughts on “Mein Outing”

  1. Schön gesagt, lieber Marius!
    Ich beobachte auch mit groszer Sorgen eine Polarisierung und Radikalisierung der Gesellschaft und dasz immer mehr Menschen einfach durchdrehn, abdrehn, nicht mehr wirklich in der Realität anwesend sind. Keinen gesunden Menschenverstand mehr gebrauchen (können)…
    Mit Corona hat es begonnen und dann wurde es immer schlimmer. Und von der Demokratie ist kaum noch etwas übrig, ist mein Gefühl: ehrliche, echte Verständigung, das Gelten-Lassen unterschiedlicher Meinungen scheint immer mehr verpönt zu sein. Schon als Pazifist darfst Du Dich ja kaum noch äuszern, weil das vom Kurs abweicht. Ich meine jetzt nicht nur den Kurs der Regierenden, sondern eher die Gruppenmeinung, der man sich heute unterordnen musz. Die nichts anderes mehr gelten läszt.
    Und: mit Facebook, Tiktok und all dem Kram werden einfache Menschen heute so manipuliert und aufgestachelt, dasz Demokratie kaum noch möglich ist. Das macht mir sehr viel Sorge! Einen Ausweg sehe ich nicht, nichts, woran ich selbst irgendwie noch mitwirken kann, etwas zu bessern.
    Ich bin in D. geboren, aber als Deutsche fühle ich mich schon lange nicht mehr.
    Liebe Grüsze A.

  2. Lieber Marius,
    ich kann dich gut verstehen. Aber dieser Rechtsruck ist leider eine globale Erscheinung, für die ich absolut keine Erklärung habe, außer so etwas wie eine globale Angst. Und diese Angst kann man vielleicht sogar erklären. Wir Menschen suchen fast alle nach Sicherheit. Wir lieben unser Zuhause, unseren Wohlstand. Aber die Menschheit wächst und wächst. Und in unserem Innersten wissen wir, dass es ohne Teilen, ohne die Aufgabe von bisher selbstverständlichen Privilegien nicht gehen wird. Wir bemitleiden die Menschen, die in anderen Regionen der Welt unermessliches Leid erleben, spenden auch gerne mal ein paar Euro, aber wenn es darum geht, diese Menschen bei uns aufzunehmen, unser Leben, unseren Wohlstand mit ihnen zu teilen, sieht die Sache auf einmal bedrohlich aus.
    Ich denke, dass auch die Gier nach Machtfülle aus einer Art Angst heraus entspringt. Nur wer selbst „die Hand am Drücker“ hat, fühlt sich halbwegs sicher, siehe Trump oder Netanjahu. Wir sind in Deutschland relativ schnell von einer Gesellschaft mit nationalsozialistischem Gedankengut zu einer Multikulti-Gesellschaft geworden. Das zu verkraften scheint Vielen sehr schwer zu fallen. Ich glaube, dass da enorm viele Faktoren mitspielen. Auch die Angst vor dem Fremden, die von den Rechten zur „Überfremdung“ hochstilisiert wird, ist möglicherweise als archaische Angst aus Urzeiten tief in uns verankert. Und je weniger man in der geistigen Lage ist, diese Dinge zu reflektieren, umso eher wird man auf die Einflüsterung von rechts hereinfallen.
    Und offenbar gibt es immer mehr Menschen, die nicht in der Lage sind, klar zu denken. Noch habe ich keine Angst um Deutschland (vielleicht ist das naiv), aber wenn ich in Richtung USA gucke, dann wird mir wirklich Angst und Bange.
    LG – Elke

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