Der krumme Spiegel der Zeit

Sind es die unruhigen Zeiten da draußen, die angespannte, rastlose Atmosphäre, die uns permanent umgibt – oder ist es einfach das Fortschreiten der Jahre? Irgendwann kommt im Leben fast jedes Menschen der Punkt, an dem man unweigerlich innehält. Man blickt zurück auf das, was gewesen ist, auf das, was man erlebt und auf die Beine gestellt hat.

Wenn man dann länger verweilt, schleicht sich oft ein Gefühl ein, das schwer auf der Seele lastet: eine Mischung aus Melancholie und leiser Enttäuschung. Man blickt auf wie in einen krummen Spiegel. Das Bild, das uns dort entgegenschaut, ist zwar unverkennbar das eigene Leben, aber es wirkt verzerrt, fremd und an manchen Stellen so, als wäre es unbemerkt an uns vorbeigeglitten. Gedanken tauchen auf wie: Habe ich das alles in den Sand gesetzt? Fragen über Jahre hinweg, die nun unwiderruflich vorbei sind. Plötzlich wird einem schmerzhaft bewusst, wie vieles anders hätte verlaufen können. Welche Fehler man hätte umschiffen und welche Chancen man hätte ergreifen müssen.

Doch was bringt es, in dieser Schleife des Grübelns gefangen zu bleiben? Die Zeit, in der wir das Vergangene hätten umschreiben können, ist unwiederbringlich fort.

Aber sie ist eben nicht zu Ende.

Genau hier, an diesem Punkt der bewussten Bestandsaufnahme, beginnt die eigentliche Freiheit. Wir stehen mitten im Hier und Jetzt und blicken auf den Rest der Zeit, auf den wir sehr wohl noch vollen Einfluss haben. Und da drängt sich eine fundamentale Frage auf: Müssen wir wirklich ein ganzes Jahr lang schwer schuften, uns durch den Alltag hetzen und jeder erdenklichen Herausforderung hinterherjagen, nur um dann drei Wochen lang einen vermeintlich perfekten, fantastischen Urlaub zu erleben? Ist das der Sinn – zwölf Monate Stress für ein kurzes Intermezzo von Freiheit?

Die Welt da draußen ist zweifellos wunderschön, voller Wunder und Weiten. Doch wir müssen sie nicht im Sprint erobern oder sie uns durch permanente Erschöpfung „verdienen“. Es wird Zeit, den Druck herauszunehmen. Das ständige Verlangen nach dem „Haben-Müssen“, nach dem Erfüllen fremder Erwartungen und dem ewigen Wettlauf verliert an Bedeutung, wenn man begreift, wie kostbar und endlich die verbleibende Gegenwart ist.

Es geht nicht mehr darum, dem Leben etwas zu beweisen. Es geht darum, es zu spüren. Bewusster zu gestalten, innezuhalten und im Frieden anzukommen.

Die Vergangenheit mag verschwommen sein wie ein krummer Spiegel, doch die Leinwand vor uns ist noch unbeschrieben. Und wenn man diesen Gedanken ganz nah an sich herankommt lässt, wandelt sich die Traurigkeit in eine tiefe, wohlige Wärme: Es ist noch genug Zeit da. Zeit, um einfach zu sein.

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2 Kommentare

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  1. Wahre Worte ! Aber das Erkennen kommt leider oft genug zu spät.
    Ich hatte 2022 einen Burnout und seitdem lebe ich genau so … Stress wo es nur geht vermeiden, alles ein bisschen lockerer sehen und die Zeit genießen.

    In diesem Sinne … ein schönes Wochenende.

    LG Frauke

  2. Lieber Marius,
    ich denke inzwischen, dass diese Gedanken, was man hätte anders machen können, ziemlich müßig sind. Wir sind unseren Weg gegangen, wie er uns entweder richtig erschien oder aufgezwungen wurde. Oder irgendwas dazwischen. Aber natürlich ist es selten komplett zu spät, noch einmal etwas zu verändern. In deinem Alter nicht und selbst in meinem noch nicht. Es müssen keine großen Veränderungen sein, aber wenn es richtig erscheint, dürfen sie auch das sein. Der Vorteil des Alters ist (du bist noch nicht wirklich alt, auch wenn du ab und zu damit kokettierst), dass man jetzt auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen kann und vielleicht bessere Entscheidungen treffen kann als früher. Trotzdem sind die meisten von uns, es sei denn sie sind alleinstehend und finanziell völlig unabhängig, irgendwie doch nicht völlig frei, zu tun und zu lassen, was man möchte. Aber man hat im Allgemeinen einen größeren Spielraum als früher.
    Herzliche Grüße – Elke