In den letzten Wochen habe ich versucht, meine kleinen „Mural‑Entdeckungstouren“ etwas zu organisieren. Ein paar Murals an einem Tag besuchen, neue Wege gehen, nicht immer dieselben Routen ablaufen. In der Theorie klingt das wunderbar – in der Praxis vergesse ich unterwegs ständig, was eigentlich noch dazwischen liegt.
An dem Tag, an dem ich dieses Mural gefunden habe, war ich fast schon stolz: „Osten Wuppertal erledigt“, dachte ich. Doch heute, beim Schreiben dieses Beitrags, merke ich: Ganz so einfach ist es nicht. Heckinghausen wartet immer noch auf einen zweiten Besuch, wenn ich die Serie wirklich komplett haben will. Mein Ziel für dieses Jahr bleibt trotzdem: alle Murals sehen, bevor sie von Vandalen nachgebessert werden müssen. Bis jetzt habe ich nur eines entdeckt, das schon den ersten Sprühangriff überstanden hat.
Aber jetzt zur Sache: Vor ein paar Tagen habe ich das nächste Pina‑Bausch‑Mural entdeckt.
Ein Portrait, das sich erst im Gehen zeigt

In der Kohlenstraße 73, leicht zurückgesetzt zwischen Garagen und Mauern, findet sich das Pina Portraits-Mural des Künstlerduos Medianeras. Es gehört zur Pina Bausch Gallery des Urbanen Kunstraums Wuppertal und ist eines dieser Werke, die man nicht einfach anschaut, sondern begeht.
Das Portrait ist anamorphisch angelegt:
- Aus einem bestimmten Blickpunkt wirkt es geschlossen und ruhig.
- Sobald man sich bewegt, beginnt es sich zu verändern.
- Linien dehnen sich, Formen verschieben sich, Perspektiven brechen auseinander.
Diese bewusste Verzerrung ist eine visuelle Übersetzung von Pina Bauschs choreografischer Sprache. Bewegung verändert den Blick – und genau das passiert hier auf der Wand.
Der warme Schal, der sich über die Fläche legt, setzt einen weichen Kontrast zu den kühlen Grautönen des Gesichts. Seine feinen Linien erzeugen ein leises Vibrieren, fast wie ein grafischer Rhythmus. Die Farbpalette des Murals greift die Umgebung auf, sodass sich das Werk harmonisch in das Quartier einfügt. Gerade weil die Wand etwas zurückgesetzt liegt, entfaltet sich das Bild erst im Vorbeigehen. Ein stiller Dialog zwischen Architektur und Bewegung.
Medianeras – Kunst, die mit der Wand spricht
Hinter dem Mural stehen Vanesa Galdeano und Anali Chanquia, ein argentinisch‑spanisches Duo, das international für seine ortsspezifischen Fassadenarbeiten bekannt ist. Medianeras arbeiten nicht mit der Wand, sondern mit dem Raum.
Ihr Markenzeichen:
- Anamorphose, die sich erst aus einem bestimmten Blickpunkt vollständig zeigt
- starke Einbindung der Architektur
- Murals, die sich durch die Bewegung des Betrachters verändern
- präzise Farbkonzepte, die sich an der Umgebung orientieren
Sie analysieren Licht, Wege, Farben und die Identität eines Viertels und verwandeln Wände in räumliche Bilder. Ihre Arbeiten sind keine Dekoration, sondern Transformation.
Ein Mural, das Wuppertal gut steht
Das Pina‑Portrait in der Kohlenstraße ist ein Beispiel dafür, wie Kunst im Stadtraum wirken kann: leise, aber eindringlich. Ein Bild, das man nicht nur sieht, sondern erlebt. Und eines, das mich wieder daran erinnert hat, dass meine Mural‑Touren vielleicht nie perfekt organisiert sein werden – aber genau das macht die Entdeckungen so schön.
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