Wie ihr euch vielleicht erinnert, habe ich vor fast genau einem halben Jahr eine neue Arbeit gefunden. Ich weiß noch wie heute, wie sehr ich mich gefreut habe. Nicht, weil ich lange arbeitslos war – im Gegenteil, meine Zeit ohne Job dauerte gerade einmal 13 Tage. Davor war ich jedoch lange krank, und dieser Job fühlte sich für mich an wie ein Sprung in die Freiheit. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals zuvor so gefühlt habe wie an diesem Tag und in der Zeit danach. Ich habe förmlich darauf gebrannt, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Ja, zu dürfen!
Alles schien perfekt: Die Kollegen waren klasse, die Atmosphäre in der Firma war unglaublich – so etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Es gab jedoch eine kleine Herausforderung: Das, was ich dort lernen sollte, grenzte fast an Raketenwissenschaft.
Ich sollte Schleifer werden. Und das in einer Firma in Solingen – dem „Silicon Valley“ der Klingenproduktion. Früher wurden hier Schwerter und Säbel geschmiedet, heute kommt aus Solingen alles, was rasiermesserscharf ist: von Teppichmessern bis hin zu Präzisions-Skalpellen. Weltbekannte Riesen wie Wilkinson oder Gillette lassen hier produzieren. Und genau hier, zwischen all diesen namhaften Größen, steht die Firma Lutz Blades, bei der ich Anfang Oktober meine große Chance bekam.
Der Kampf gegen die eigene Unruhe
Ich stellte mich dieser Herausforderung mit einer Mischung aus Angst und riesiger Motivation. Doch der Alltag war alles andere als einfach. Schon nach wenigen Tagen merkte ich, dass der erste Eindruck täuschte: Die Arbeit war vielleicht nicht hochkompliziert, aber verdammt gefährlich – erst recht für einen „Chaoten“ wie mich.
Es verging kaum eine Woche, in der ich meine Finger nicht mit Tape verarzten musste. Immer wieder gab es kleine Schnittwunden. Mit der Zeit sah das wirklich blöd aus. Meine zitternden Hände waren das Problem – der starke Wille, es unbedingt zu schaffen, erzeugte eine Unruhe, die genau zum Gegenteil führte. Und dennoch: Es war die Arbeit, die ich machen wollte. Es war mir völlig egal, dass ich manchmal anderthalb Stunden für den Heimweg brauchte. Zum ersten Mal machte mir Arbeit so richtig Spaß.
Doch die Wochen verflogen, und ich spürte den Druck, den ich mir vor allem, selbst machte. Die Enttäuschung darüber, dass ich nicht so schnell lernte, wie ich wollte, brachte mich immer öfter aus der Ruhe. Nach zwei Monaten war ein durchgeschwitztes Shirt schon um halb sieben morgens mein Markenzeichen. Mein Teamleiter gab mir immer wieder den Rat: „Du musst ruhig bleiben. Unruhe ist hier der erste Schritt zur Verletzung.“ Manchmal half das, meistens aber nur kurz. Der Wille, es mir selbst und allen anderen mit 58 Jahren noch einmal zu beweisen, war so groß, dass er am Ende kontraproduktiv wurde.
Das Erwachen am Freitag, dem 13.
Ende Februar kam das Gespräch mit dem Meister. Sie waren begeistert von meinem Einsatz und meinem Willen – aber sie sahen auch, dass ich ständig unter Strom stand. An einer Schleifmaschine ist das eine gefährliche Kombination.
Am Freitag, den 13., wurde mir schließlich mit großem Bedauern mitgeteilt, dass ich meine Zukunft wohl woanders suchen müsse. Es fiel uns allen schwer. Ich verstand die Entscheidung vollkommen – wahrscheinlich hätte ich mir an ihrer Stelle selbst gekündigt. Trotzdem hoffte ich bis zuletzt, vielleicht irgendwo anders in der Firma Fuß fassen zu können. Es blieben mir nur noch zwei Tage. Der Dienstag sollte mein letzter Arbeitstag sein.
Die Ironie des Schicksals
Es kam jedoch anders. Mein letzter Tag war bereits der Montag, der 16. März – und das nicht ganz freiwillig. Mein fast letzter Handgriff des Tages war es, einen geschliffenen Ring zu verkleben. Danach hätte ich nur noch die Dokumentation ausgefüllt und mich in den Feierabend verabschiedet.
Doch beim Verkleben passierte es: Ich geriet so unglücklich an eine Klinge, die noch in der Maschine steckte, dass sie sich zwei Zentimeter tief in meinen Unterarm bohrte. Man gönnt sich ja sonst nichts – am vorletzten Tag steckt mir dieses rasiermesserscharfe Ding im Arm. Das Beste daran? Ich habe den Schnitt nicht einmal gespürt. Wenigstens hatte ich also gute Arbeit geleistet: Die Klinge war saucharf.
Statt Feierabend hieß es nun Krankenhaus und Nähen. Damit endete mein Abenteuer beim Klingenhersteller schon am Montag. Ein Abgang mit echtem Solinger Schliff, sozusagen. Vielleicht sind am Ende alle Beteiligten erleichtert, dass ich jetzt weg bin – nur mit diesem einen kleinen Schnitt im Unterarm. Denn es hätte viel schlimmer kommen können: Die Klinge hätte auch im Auge oder im Hals landen können.
Ein Wort des Dankes
Zum Schluss möchte ich mich von Herzen bedanken. Danke an alle meine Arbeitskollegen für dieses halbe Jahr, für die Geduld und die Kameradschaft. Danke an die Chefs und die gesamte Belegschaft für die Chance, die ihr mir gegeben habt. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich anscheinend nicht der Richtige für diese spezielle Aufgabe an der Maschine war.
Und dennoch: Ich trage kein Bitternis in mir. Ich bin glücklich, dass ich diesen Neuanfang mit 58 Jahren gewagt habe. In mir brennt trotz des Unfalls ein Gefühl von Stolz. Stolz darauf, dass ich nicht stehen geblieben bin, sondern gesprungen bin – auch wenn die Landung diesmal etwas unsanft im Krankenhaus endete.
Ein Rat an alle, die in einer ähnlichen Situation stecken:
Vielleicht liest das hier jemand, der sich auch in einer schwierigen Lebenslage befindet oder vor einer großen beruflichen Veränderung steht und zweifelt. Mein Rat an euch: Habt keine Angst vor dem Versagen. Das wirkliche Versagen ist nicht, eine Aufgabe nicht zu schaffen. Das wirkliche Versagen ist, es aus Angst erst gar nicht zu versuchen. Ein Neuanfang – egal in welchem Alter – ist immer ein Gewinn an Erfahrung. Ich habe in diesen sechs Monaten mehr über mich gelernt als in manchen Jahren zuvor. Ich habe gesehen, dass ich noch brennen kann, dass ich Willen habe und dass ich bereit bin, zu lernen. Dass es am Ende an der Feinmotorik und der inneren Unruhe scheiterte, ist eine fachliche Erkenntnis, keine persönliche Niederlage.
Nehmt die Chancen an, die das Leben euch bietet. Manchmal ist ein Weg nur dazu da, uns zu zeigen, wo unsere Grenzen liegen – damit wir den nächsten Weg mit noch mehr Klarheit gehen können.
Und jetzt?
Wie es aussieht, werde ich in naher Zukunft wieder mehr Zeit für diesen Blog und für euch haben… sobald der Schmerz über das „Nicht-Gepackt-Haben“ ein wenig abgekühlt ist. In der Zwischenzeit werde ich natürlich weiter nach einer neuen Herausforderung suchen – nach einer Aufgabe, die mir einfach die Ruhe lässt, so zu funktionieren, wie es meine Gesundheit und meine psychische Situation erlauben.

Naturfotografie und Bildbearbeitung gehören für mich untrennbar zusammen. Aktuell bereite ich meinen neuen Blogbeitrag vor. Dabei stand ich vor einer echten Herausforderung. Welches Foto fängt die Frühlingsstimmung am besten ein? In der modernen Naturfotografie und Bildbearbeitung zählt schließlich oft das Gefühl, das ein Bild vermittelt.

